Europa eine Seele geben

Bischof Dr. Martin Hein über Apg 16,9-10, 31.08.2002, Kapelle des Frankfurter Flughafens

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen.

 

Predigttext: Apg 16,9-10

 

„Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.“

Manchmal, liebe Schwestern und Brüder, braucht es im Leben nur einen kleinen Schritt - und alles ändert sich. Wenn man ihn tut, sind die ganzen Konsequenzen, die sich daraus ergeben, noch gar nicht abzusehen. Aber hinterher, nach einiger Zeit, stellt sich heraus, dass es tatsächlich eine folgenschwere, weitreichende Entscheidung war. Große Veränderungen benötigen nicht immer eine entsprechende Begleitmusik.

So muss das auch beim Apostel Paulus gewesen sein. In der Hafenstadt Troas, an der Westküste der heutigen Türkei gelegen, hatte er nachts eine Erscheinung. Ein Mann, deutlich als Mazedonier erkennbar, sagte einen einzigen Satz: „Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns.“ Angesichts der Entfernungen, die Paulus ansonsten mit seinen Begleitern zurückzulegen pflegte, war das nicht allzu weit, obgleich das Ägäische Meer dazwischen lag. Umgehend machte er sich per Schiff auf und erreichte ziemlich bald die mazedonische Küste. Nichts Besonderes also, will es uns scheinen; eine Episode nur auf den ausgedehnten Missionsreisen des Paulus, die ihn schließlich bis nach Rom brachten. Heute hätte es Paulus schwerer gehabt, ganz ohne Zweifel: Er selbst hätte unter Hinweis auf sein römisches Bürgerrecht noch relativ leicht die Grenzkontrollen passieren können. Bei seinen Begleitern sähe das schon anders aus: Sie wären „Non-EU-Residents“, wie es hier im Airport heißt. Auch die Berufung auf eine göttliche Eingebung würde die Türen Europas für sie nicht öffnen. Da könnte ja jeder kommen!

Damals aber wurde diese kleine, unproblematische Überfahrt zu einer Schlüsselszene in der Geschichte des Christentums. Bisher hatte Paulus das Evangelium ausschließlich im östlichen Mittelmeerraum verkündigt. Indem er in Mazedonien an Land ging, begann die Mission auf europäischem Boden. Und damit wurde der Keim dafür gelegt, dass das Evangelium auf unserem Kontinent heimisch wurde und wir immer noch - wenn auch sehr abgeschwächt - vom „christlichen Abendland“ sprechen. So fing es an: mit diesem kleinen Schritt in eine unbekannte Zukunft und eine unbekannte Umwelt.

Im Zusammenhang des ehrgeizigen Projekts einer „Neu-Evangelisierung Europas“, das Papst Johannes Paul II. vor einem Jahrzehnt ausrief, bekam die kleine Episode aus der Apostelgeschichte geradezu über Gebühr Gewicht: „Durch den Mazedonier“, so hieß es in einer „Erklärung“ der Sondersynode der katholischen europäischen Bischöfe, „erklärte sich Europa bereit, das Evangelium aufzunehmen.“ Und weiter: „Das Beispiel und der unbesiegbare Glaube des Apostels ermutigen uns, das Wagnis der Neu-Evangelisierung anzugehen.“ Mit anderen Worten: Europa wartet wieder auf das Evangelium, und wir sollen es Paulus, diesem Prototyp des Evangelisten, gleichtun. Große Worte waren das, freilich längst verklungen. Der Mazedonier hat seine Schuldigkeit getan.

Wie aber wäre es, die wenigen Bemerkungen aus dem Reisebericht einmal anders zu lesen? Der Mazedonier ist ein Europäer - gewiss! Aber was für ein Europäer? Er ist mitnichten der Vertreter eines Sendungsbewusstseins, das sich aus den Wurzeln europäischer Kultur herleitet, sondern einer, der um Hilfe ruft! Und Paulus ist Verkündiger des Evangeliums von Jesus Christus - gewiss! Aber was für ein Verkündiger? Ein Kleinasiate mit einer Botschaft, die den gebildeten oder doch halbgebildeten Europäern wie eine Torheit, wie Unsinn vorkommen musste. So jedenfalls wird es wenig später aus Athen berichtet.

Es liegt für mich etwas Bezeichnendes in dieser kleinen Szene - am Beginn des dritten christlichen Jahrtausends in Europa: Längst ist das Evangelium hier heimisch geworden, hat sich inkulturiert, und Europa hat es auf seine Weise in andere Kontinente weiter verbreitet. Aber jetzt? Heute, glaube ich, brauchen wir wieder Hilfe von anderswoher. Kommt herüber, sagen wir den Christen aus anderen Ländern und Kulturen - und helft uns! Wir sagen es den Christen aus Afrika, Asien oder Lateinamerika. Wir kommen als europäische Kirchen nicht weiter ohne die Erfahrungen derer, die in einer für uns inzwischen unerhört lebendigen und unverbrauchten Weise das Evangelium leben und verkündigen. Da muss nicht gleich alles übernommen werden. Aber es kann ein Funke überspringen, der Bewegung in unsere oft erstarrten Formen bringt. So wichtig also unser Engagement für Europa selbst ist es darf nicht zu einer geistlichen Abschottung führen. Die europäischen Kirchen gewinnen an Lebendigkeit und an Tiefgang, wenn sie sich der ökumenischen Weite öffnen.

Und noch etwas sollten wir beachten: Paulus hatte damals kein bestimmtes Konzept, wie er die Botschaft des Evangeliums in Europa zu den Menschen und in die Herzen und Gedanken bringen wollte. Seine Mission ging trotz allen Eifers, den er an den Tag legte, keine eigenen Wege! Vielleicht wäre er noch länger drüben in Kleinasien geblieben, obwohl es ihn mit aller Macht nach Rom, mitten ins Zentrum der Weltmacht, drängte. Wer weiß. Aber dass es nun soweit sein sollte, Asien zu verlassen und ins europäische Neuland aufzubrechen, verdankte Paulus einer Stimme, die er als Stimme Gottes verstand.

Für mich bedeutet das im Blick auf Europa, das mit all seinen Möglichkeiten offen vor uns liegt: Wir müssen Achtsamkeit lernen und wach sein für Zeichen und Hinweise, die Gott uns sendet, und mit denen er uns verstehen lehrt, was er von uns im Blick auf Europa erwartet. Also keine Strategien im Vorhinein entwerfen, sondern zuerst intensiv hinhören, hinsehen, wahrnehmen, was angesagt ist - und dann mutig und „sogleich“ anfangen!

Es mag damals für den kleinen Kreis um Paulus einfacher gewesen sein, jener nächtlichen Eingebung zu folgen, als wir das heute in unseren Kirchen mit ihren abgestuften und abgestimmten Entscheidungsstrukturen tun können. Die garantieren eher den Mittelweg als das Außergewöhnliche! Ich will mich auch gar nicht gegen Planungen und Konzeptionen wenden. Aber ganz ohne Anstöße von außen, manchmal tatsächlich völlig unvermutet, kommen wir in unseren europäischen Kirchen nicht aus. Wenn wir solche Zeichen erkennen und uns klar wird, was jetzt dran ist, geht es weiter!

In diesem Sinne wünsche ich mir wirklich „aufmerksame“ europäische Kirchen, die nicht die Augen und Ohren verschließen, sondern sehen und hören und mit dem Geist Gottes rechnen, der uns Wege zueinander und in die Welt zeigt. Dann tragen sie dazu bei, Europa eine „Seele“ zu geben. Amen.

Erschienen in: Ökumenische Perspektiven 2003: Europa und die Kirchen, Evangelischer Bund, Landesverband Bayern (Hg.), S. 57-59.

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