Rosangela Jarjour: Zukunft der Christen im Nahen Osten gefährdet

"Wir wollen nicht Flüchtlinge sein, sondern in Frieden und mit vollen Rechten und Pflichten in unserem Land leben", sagte die aus Homs stammende Generalsekretärin der Evangelischen Kirchen in Nahen Osten vor der Vollversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa.

Auf die dramatische Situation der Christen im Nahen Osten hat Rosangela Jarjour aufmerksam gemacht. "Ich habe den Traum, eines Tages aufzustehen und zu sagen ´Ich bringe gute Neuigkeiten´, aber das kann ich im Moment nicht", sagte die Generalsekretärin der Fellowship of Middle East Evangelical Churches (FMEEC) bei der derzeit in Florenz tagenden Vollversammlung der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE). Noch nie hätten Christen eine "so schlimme Situation" erlebt. Die Zukunft der Christen im Nahen Osten sei, so die aus Homs in Syrien stammende Generalsekretärin, massiv gefährdet. Der Alltag von Christen, die vorher in Sicherheit leben konnten, sei nun von Angst bestimmt. Christen müssten nun erleben, dass sie nicht mehr ihre Religion ausüben könnten und persönliche Freiheitsrechte oder das Rederecht "weggenommen werden, alles was vorher säkular war, wird nun islamisiert". Allein in Ägypten seien über 50000 Christen seit Beginn der Revolution geflohen. In Homs sei ihre Familie gezwungen worden, die Heimatstadt zu verlassen. "Christen haben ihre Häuser, Geschäfte und Kirchen verloren, es wurde geplündert, vieles ruiniert oder verbrannt", berichtete Jarjour, die den Delegierten auch erschütternde Bilder von zerstörten Kirchen in Syrien zeigte.

An die Kirchen im Westen appellierte Jarjour, "ihre prophetische Stimme zu erheben und nicht einfach ihren Regierungen zu folgen". Es gehe darum, "auch in Syrien nach der Wahrheit zu forschen und mehr zu sehen als das, was im Fernsehen gezeigt wird", meinte die Generalsekretärin der "Fellowship of Middle East Evangelical Churches", die rund 2 Millionen Mitglieder aus 17 lutherischen, reformierten und anglikanischen Kirchen repräsentiert. Im Nahen Osten hätten Christen das Gefühl, "dass der Westen sie vergisst". Doch "der Rest der Christen wird ausgelöscht, wenn das so weitergeht", warnte Jarjour.

Die Manifestationen, die in Syrien friedlich begonnen hätten, seien schnell in Gewalt übergeschlagen. "Viele von uns glauben nicht, dass dies von Menschen innerhalb des Landes kommt.". Anfänglich wären Christen und Muslime gemeinsam auf die Straße gegangen, doch als die Gewalt zunahm, hätten sich viele Christen von der Straße zurückgezogen. "Das war keine Bewegung des Volkes mehr, Syrien wurden zum Spielfeld für alle möglichen Kräfte von außen", konstatierte die Generalsekretärin und zeigte sich überzeugt, dass "Demokratie nicht durch Waffen und Geld aus Saudiarabien oder Quatar geschaffen werden kann".

"Kein einziger Christ" sei mit den Entwicklungen in Syrien einverstanden. Persönlich stehe sie "für eine friedliche Lösung. Wer immer auch Syrien regieren wird, soll uns Christen einfach Freiheit einräumen, Sicherheit geben und Frieden ermöglichen". Eindringlich unterstrich die gebürtige Syrerin, die nun am Sitz der "Fellowship of Middle East Evangelical Churches" in Beirut tätig ist, den Wunsch vieler Christen, im Land zu bleiben: "Wir wollen nicht Flüchtlinge sein sondern dort bleiben mit Würde, mit vollen Rechten und Pflichten." Bevor die Christen nicht "die Agenda der neuen Regierenden kennen, wie sie zukünftig behandelt werden", würden sich viele, die unter Assad unbeeinträchtigt leben konnten, nicht auf ungewisse Verhältnisse einlassen wollen.

Das Statement der Generalsekretärin wurde auf der GEKE-Vollversammlung mit besonderem Interesse erwartet. „Die GEKE ist international vernetzt“, sagte GEKE-Präsident Thomas Wipf . „Mit der Einladung an Frau Jarjour zur repräsentativsten Versammlung des europäischen Protestantismus wollten wir unsere Verbundenheit mit den protestantischen Kirchen im Mittleren Osten zum Ausdruck bringen.“

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