Zusammenleben in Vielfalt gestalten und den interreligiösen Dialog verstärken

Der Rat der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) hat auf seiner Sitzung in Budapest mit Bestürzung und großer Betroffenheit die Ereignisse in Paris, den mörderischen Anschlag auf die Redaktion der Zeitung „Charlie Hebdo“, den Mord an einer Polizistin und die vier weiteren Toten in einem jüdischen Geschäft wahrgenommen und diskutiert. Den Angehörigen, Freunden und Freundinnen, Kolleginnen und Kollegen der Opfer gelten Mitgefühl und Fürbitte.

Durch den Anschlag auf „Charlie Hebdo“ wurden Menschen getötet und die Meinungsfreiheit getroffen. Die Freiheit der Meinungsäußerung gehört aber wie die Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit zum Herzen unserer Gesellschaften und zur Demokratie in Europa. Bereits 2006 hat die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa angesichts des Karikaturenstreites in Dänemark Stellung zum evangelischen Verständnis des Verhältnisses von Religions- und Meinungsfreiheit genommen. Diese Erklärung ist für den Rat der GEKE nach wie vor aktuell und hilfreich in seinen Überlegungen zu den Grundrechten, zu Freiheit und Verantwortung, zu Minderheitenrechten und zu Frieden und Versöhnung. Wir unterstreichen die darin getroffene Feststellung: „Der Anspruch der Religionen, in der Öffentlichkeit an anderen Religionen oder gesellschaftlichen Verhältnissen Kritik üben zu dürfen, muss die Bereitschaft, sich selbst mit allen zulässigen Mitteln der freien Meinungsäußerung kritisieren zu lassen, einschließen.“ So bedingen Meinungs- und Religionsfreiheit einander. Sie leben vom respektvollen Umgang miteinander. Sie finden im modernen Rechtsstaat ihre Grenze bzw. Korrektiv am Gebot, die Würde des Menschen zu wahren und Herabwürdigungen und Diskriminierung zu unterlassen.

Der Anschlag im jüdischen Lebensmittelmarkt richtete sich gezielt gegen Juden. Im Glauben an Jesus von Nazareth als dem Christus weiß die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa sich den Juden besonders verbunden. Angesichts der Geschichte des Antisemitismus in Europa und seiner katastrophalen Folgen verstehen wir umso mehr die Sorge um eine neue Bedrohung für Juden in Europa. Politik, Zivilgesellschaft wie die Religionsgemeinschaften in Europa sind aufgerufen, dem zu wehren. In der Folge der Ereignisse hat es Anschläge auf Moscheen gegeben. Muslime in Europa werden zum Teil unter Generalverdacht gestellt und angefeindet. Dagegen halten wir mit der in vielen Religionen verankerten sog. Goldenen Regel fest: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ (Matthäus 7,12) Der Dialog zwischen den Religionen und gemeinsam mit Menschen, die keinem religiösen Bekenntnis angehören, muss weiter verfolgt und ausgebaut werden. Auf diesem Weg der Begegnung, des Gesprächs und der Auseinandersetzung kann gemeinsam das Zusammenleben vor Ort und in Europa gestaltet werden.

Der Rat ist dankbar für die Berichte aus vielen Mitgliedskirchen, in denen Kirchengemeinden diesen Dialog suchen und führen. Kirchen gestalten aktiv interreligiöse Begegnungen. Kirchen und Kirchengemeinden setzen sich auf verschiedenen Ebenen und in vielfältigen Weisen für ein friedliches Miteinander zwischen den Religionen und Menschen mit verschiedenen Überzeugungen ein. Dies ermutigt, darauf in unseren Kirchen weiter aufzubauen. Schließlich sieht der Rat auch gespannt den Diskussionen und inhaltlichen Fortschritten um den Studienprozess „Pluralität der Religionen“ entgegen, der in der GEKE geführt wird.

Der Rat ist sich bewusst, dass die Ereignisse dieser Tage tiefliegende komplexe politische und soziale Hintergründe haben, die durch das Auftreten islamistischer Terrorgruppen wie Al Qaida und „Islamischer Staat“ gekennzeichnet sind. Europa wird sich mit den Ursachen der Entstehung dieser Bewegungen und ihrer Motive auseinandersetzen müssen. Der Rat der GEKE ist dankbar für die großen und bewegenden öffentlichen Zeichen der letzten Tage von Solidarität und des Willens, für ein friedliches Zusammenleben einzutreten. Der Rat der Gemeinschaft Evangelischer Kirche in Europa bittet Gott um seinen guten Geist, der Zusammenleben in Vielfalt schafft, erneuert und erhält.

ABOUT THE AUTHOR
0 Comment(s) to the "Zusammenleben in Vielfalt gestalten und den interreligiösen Dialog verstärken"
followme
  • Twitter
  • Facebook

Reformationsstädte Europas