Evangelische Texte zur ethischen Urteilsfindung

Leuenberger Texte 3

Die erste Delegiertenkonferenz der Leuenberger Kirchengemeinschaft (LKG) in Sigtuna (1976) empfahl den beteiligten Kirchen die Weiterarbeit an zentralen, in der Leuenberger Konkordie selbst benannten reformatorischen Themenfeldern. Neben den Fragen um Amt und Ordination (Leuenberger Texte 2) war es der Themenkreis um die "Zwei-Reiche-Lehre" und die Lehre von der "Königsherrschaft Christi", der an zwei Regionalgruppen delegiert und theologisch in den Jahren von 1978-1986 bearbeitet wurde. Die Ergebnisse dieser Arbeit sowie weitere Texte zur ethischen Urteilsfindung, wie zu Fragestellungen des aktuellen Bekennens in der Welt und der Friedensverantwortung in der Gegenwart, die von unterschiedlichen Regionalgruppen erarbeitet wurden, werden in dem vorliegenden Band in der für die Leuenberger Texte inzwischen bewährten Form einer deutsch/englischen Ausgabe dokumentiert.

Allen in diesem Band abgedruckten Texten geht es um die Reflexion ethischen Handelns in der Welt. Ausgehend von der Überlegung nach der Tragfähigkeit der reformatorischen Modelle, die in der "Zwei-Reiche-Lehre" und der Lehre von der "Königsherrschaft Christi" zwar konfessionelle Akzente erfahren haben, aber dennoch keine "konfessionsspezifischen oder gar kirchentrennenden Lehrmodelle" darstellen, wird deutlich, daß für die evangelische Weltverantwortung ein theologischer Grundkonsens besteht. Beide Konzeptionen stehen in einem kritischen Ergänzungsverhältnis, lassen sich aber von der gemeinsamen Erkenntnis leiten, daß der in Jesus Christus offenbare Gott der Herr in allen Bereichen der Welt und des weltlichen Lebens ist. Die Zwei-Reiche-Lehre wehrt einem theokratischen Mißverständnis der Lehre von der Königsherrschaft Christi. Letztere wiederum fragt kritisch zurück, ob erstere nicht das Leben der Christen in zwei Bereiche mit eigenen Gesetzen zerfallen läßt und also zur doppelten Moral führt. Bei der Gelegenheit sei darauf hingewiesen, daß ein zwischen den unierten und lutherischen Kirchen in der ehemaligen DDR geführtes Lehrgespräch zu einem ganz ähnlichen Ergebnis geführt hat. Dieses Lehrgespräch wurde mit dem Titel „Kirchengemeinschaft und politische Ethik. Ergebnis eines theologischen Gesprächs zum Verhältnis von Zwei-Reiche-Lehre und der Lehre von der Königsherschaft Christi“ 1980 veröffentlicht. Die Texte in dem vorliegenden Band spezifizieren dies an der Frage ethischer Entscheidungsfindung, wie sie etwa die Friedensdiskussion der 80er Jahre aufwarf. Den Abschluß der Textreihe bildet daher der vom Bund der Evangelischen Kirchen in der ehemaligen DDR Anfang 1989 vorgelegte Vorschlag zu einer aktualisierenden Auslegung der in CA 16 angesprochenen Frage eines „gerechten“ Krieges mit der Auswertung der Antworten, die aus den an der Leuenberger Konkordie beteiligten Kirchen darauf eingegangenen sind. Mit in die Dokumentation aufgenommen wurde der Textvorschlag einer Ad-hoc- Gruppe der Evangelischen Kirche der Union zur Kommentierung von CA 16. – Zum Teil wurden die Texte bereits in Dokumentationsbänden früherer Vollversammlungen der Leuenberger Kirchengemeinschaft veröffentlicht, zum Teil handelt es sich um bisher nicht publizierte Ausarbeitungen. Immer jedoch sind es Texte, die von der Vollversammlung der LKG oder, wie im Fall der Ad-hoc-Gruppe der EKU, von der Synode der EKU angenommen und beschlossen worden sind. In die Gestalt der Texte wurde deshalb von geringfügigen, notwendigen Korrekturen abgesehen, nicht eingegriffen, sondern sie wurde in der jeweils beschlossenen Fassung übernommen.

Wilhelm Hüffmeier (hg./ed.)

ISBN 3-87476-319-6

1997 Verlag Otto Lembeck Frankfurt am Main

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