So spricht Jahwe

Dr. Hans Jürgen Luibl über Ezechiel 37,26a, 08.05.2005

 

„Der Friede marschiert, wenn auch langsam, uns entgegen. Er wird einmal da sein wie der Frühling und Ostern.“ (Tagebuchnotiz 17. März 1945)

So spricht Jahwe, der Herr: Ich werde mit ihnen einen Bund des Friedens schließen. Ein ewiger Bund soll es für sie sein. (Ezechiel 37,26 a)

 

Predigt zum 8. Mai 2005
60 Jahre nach dem Kriegsende in Deutschland / Europa – 8./9. Mai 1945
55 Jahre nach der Rede Robert Schumanns – 9. Mai 1950 (Europatag 5. Mai)

 

Friedensgruß Tagebucheintrag einer Münchner Lehrerin vom 17. März 1945: „Der Friede marschiert, wenn auch langsam, uns entgegen. Er wird einmal da sein wie der Frühling und Ostern.“ Der Krieg ist allgegenwärtig. Bis hinein in die Sprache hat er sich gefressen. Selbst der Friede, wenn er denn kommt, kann, so scheint es, nicht anders kommen als militärisch, marschierend. So stark ist der 2. Weltkrieg gewesen, so zerstörerisch. Er hat Menschen getötet wahllos und massenweise, Millionen und nochmals Millionen: Soldaten an der Front, Gefangene in den Vernichtungslagern, Frauen und Kindern in ihren Häusern, die bombardiert wurden, Junge und Alte, die auf Flucht verhungert sind. Und der Krieg hat die Gemeinschaft zersetzt, das Miteinander vergiftet: die Menschheit wurde aufgeteilt in Herren und Sklaven, die Völker haben sich in Verbündete und Feinde gespalten, das eigene Volk ist zerfallen in rassisch Reine und andere, die es auszumerzen galt. Wer konnte am Ende dem anderen noch trauen, wo ein falsches Wort, auch wenn es das einzig richtige war – den Tod am Galgen zur Folge hatte.

Und doch: auch wenn eine junge Lehrerin den Frieden im Zeichen des Krieges nicht anders mehr sehen kann als marschierend, er kommt. Er kommt uns entgegen, steht im Tagebuch, wie der Frühling, so leicht und mild, wie Ostern, überraschend mit neuem Leben, wie Gott selber, der den Frieden bringt, den Bund des Friedens schließt. Letzteres steht nicht im Tagebuch, nicht in diesem Tagebuch. In einem anderen Tagebuch, dem des Glaubens. Ist eingetroffen, was erhofft war?

In der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 ist zumindest dies eingetroffen: Generalfeldmarschall Keitel unterzeichnet in Berlin-Karlshorst die Gesamtkapitulation der Deutschen Wehrmacht. Krieg, jedenfalls der in Deutschland und Europa war damit zu Ende. Aber war das schon der ersehnte Friede? Wer die Bilder sich ansieht, die Fotos von damals, aus den Tagen, als der Krieg zu Ende ging, wird zweifeln. Zerbombte Städte, Leichen, erschossen, verhungert, Menschen, ob Sieger oder Verlierer, erschöpft. Der Krieg war aus, der Kampf ums nackte Überleben hatte begonnen – und viele haben ihn verloren. Aber selbst wenn, hier in Deutschland der Krieg zu Ende war, an anderen Orten ging er weiter: über Hiroshima und Nagasaki sollten am 6. und 9. August noch Atombombe abgeworfen werden und 200.000 Menschen töten. Und manche der vom Nationalsozialismus befreiten Nationen Ostmitteleuropas fanden sich gefangen in einer neuen Herrschaft der Gewalt wieder. Sowjetisierung der Unionsrepubliken nannte man das und dies brachte bis Ende 1945 10 Millionen Menschen in Straf- und Zwangsarbeitslager. Und aus dem heißen Krieg wurde unmerklich, aber unaufhaltsam, weil mit militärischer Logik und nach wirtschaftlichen Interessen geplant, ein Kalter Krieg, aus dem schon bald, etwa in Korea, neue Kriege ausbrachen. Den Krieg erklären, das fällt leicht. Wie aber erklärt man sich gegenseitig den Frieden?

Eine Möglichkeit, die naheliegende, ist, dass die Sieger sich zu Siegern erklären, die anderen zu Verlierern. So sollte der Friede in der Welt nach dem 1. Weltkrieg gesichert werden. Friedensschlüsse, wenn nicht für alle Ewigkeit, so doch für lange Zeit festschreiben, wer Sieger, wer Verlierer ist, wer wie viel gewinnt, wer wie viel verliert. Solche Friedensverträge (Versailles für Deutschland, Sèvres für das osmanische Reich oder Trianon für Ungarn) brachten Europa jedoch keinen dauernde Befriedung – nicht im Inneren der Völker, nicht im Miteinander der Völker. Man musste schmerzlich nach-lernen, was in einem Gedicht schlicht formuliert ist: „Eure Siegen waren vorübergehende nur.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg war man – aus erlittenem Schaden oder politischer Einsicht – klüger geworden. Der Marshallplan machte aus Siegern Helfer und aus Feinden Freunde. Auch wenn man heute vielleicht besser weiß als damals, dass dieser Marshallplan, der auf eine Rede des amerikanischen Außenministers Marshall 1947 zurückgeht und 1948 dann umgesetzt wurde, zum Element des Kalten Krieges wurde – er war friedensstiftend, weil lebensfreundlich. „Was auch immer man gegen die Amerikaner sagen will oder muss, ich bin einfach dankbar. Ich war noch ein Kind, hatte Hunger und dann kam ein Carepaket. So schmeckte für mich Frieden – das ist bis heute so.“ Dies erzählte ein Pfarrer, der 1981 gegen den Nato-Doppelbeschluss auf die Straße ging. Und er hat auch die Erklärung des Reformierten Bundes 1982 zur Friedensverantwortung der Kirche begrüßt, wo es im Blick auf Massenvernichtungswaffen heißt: „Im Vertrauen auf den Gott des Bundes und der Treue wollen wir uns nicht länger von solchen ´Waffen´ umgeben und ´schützen´ lassen.“ Auch so werden Friedensgeschichten weitergeschrieben.

Der Blick nach vorne, wo der Friede kommt, ihn erwarten, vorbereiten, das ist das eine. Das andere ist der Blick zurück: in die Vergangenheit. Die Erinnerung an die Tod und Zerstörung ist ohne Frage nach der Schuld nicht möglich. So begann am 20. November 1945 der Prozess gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher vor dem internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg. Schon vorher, am 19. Oktober 1945, hat der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland die sog. Schulderklärung unterzeichnet: „Aber wir klagen uns an, dass wir nicht mutiger bekannt, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.“ Weder mit den Nürnberger Prozessen, in denen es um die Rechtsfrage ging, noch mit der Stuttgarter Erklärung, in der die Schuldfrage aufgenommen wurde, war damit die Vergangenheit einfach erledigt. Auch kehrte damit nicht einfach Ruhe ein. Vielmehr ist gerade die Schulderklärung zu einem nicht immer unumstrittenen, aber wichtigen Zeichen geworden, um mit der Vergangenheit in Zukunft leben zu können.

Was in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 begann und von dem damals niemand wusste, was sich daraus entwickeln würde, das begann fünf Jahre später, am 9. Mai 1950 klarere Konturen zu gewinnen – die seltsame Friedensgeschichte Europas.

Am Nachmittag des 9. Mai 1950 gab der französische Außenminister Robert Schumann im Uhrensaal des französischen Außenministeriums vor der geladenen Presse eine Erklärung ab, die so unspektakulär wie revolutionär für die Friedensgeschichte Europas wurde. Schumann schlug vor, „die Gesamtheit der französisch-deutschen Kohle- und Stahlproduktion unter eine gemeinsame Oberste Behörde zu stellen, in einer Organisation, die den europäischen Ländern zum Beitritt offen steht.“ Schumann verstand dies ausdrücklich nicht nur als Mittel der Steigerung von wirtschaftlicher Effizienz und Wohlstand, sondern damit „jeder Krieg zwischen Frankreich und Deutschland nicht nur undenkbar, sondern materiell unmöglich“ wird. Frieden, so war wohl die Überzeugung vieler Politiker, die im Christentum groß geworden sind, Frieden ist nicht nur eine Sache des Gebets, sondern der klugen Tat. Und was Schumann vorschlug, war eine kluge Tat. Denn damit wurden die Grundmaterialen zweier Weltkriege (Kohle und Stahl) zu Friedensmaterialen – sie wurden dem Zugriff der Nationen und ihrer Interessen entzogen. Ein wichtigen Schritt in Europas Friedensgeschichte.

Denn gerade die Idee der Nation bis hin zur Ideologie des Nationalismus und des deutschen Nationalsozialismus war treibendes Motiv, das die Geschichte Europas in den Krieg trieb. Dabei war die Idee der Nation anfänglich, zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in ganz Europa eher eine emanzipatorisch-aufgeklärte, eine fortschrittliche Vorstellung. Es ging von Frankreich ausgehend über Deutschland bis nach Osteuropa schlicht um die Befreiung der Völker Europas, von der alten Ordnung und von fremden Mächten. „Der Gedanke der Befreiung und Erlösung der Völker ... wird das Licht der Freiheit auch in jene Länder tragen, die jetzt noch schlummern in der tiefsten Knechtschaft.“ So formulierte es der Demokrat Robert Blum 1848 in der Frankfurter Nationalversammlung. Und es gab eine Stimmung, dass dieses Miteinander der Völker ein pazifistisches, ein friedliches sein wird. Doch der liberal-emanzipatorische Völkerfrühling endete in einer national-konservativen Nationalstaatlichkeit, die gerade in Deutschland Nation als Volk und Volk als homogene Rasse definierte – und dies mit Gewalt nach außen und innen. Die Völker zu versöhnen und dabei gerade das auserwählte Volk der Juden, das hineingerissen wurde in den nationalstaatlichen Rassewahn, das musste die entscheidende Friedensaufgabe werden. Schon 1946 hat dies Sir Winston Churchill in seiner Rede in Zürich gefordert: die Aussöhnung von Frankreich und Deutschland als Ausgangspunkt eines befriedeten Europa. Mit der französisch-deutschen Aussöhnung hoffte er, dass wirklich wird, womit er seine Rede schloss: „Let Europa Arise!“

Der Schumannplan war der politische Schritt in diese Richtung. Aber wäre er gelungen, wenn nicht die Versöhnung der Völker schon vorher und anders als politisch begonnen hätte? Etwa durch Versöhnungsarbeit der Kirchen. Als Beispiel dafür mag der deutsch-französische Bruderrat dienen. Er fügt sich ein in eine ganze Reihe Versöhnungsdiensten als aktive christliche Friedensarbeit. Was damals friedensstiftend war, die Versöhnung der sogenannten Erbfeinde Frankreich und Deutschland, wurde fortgesetzt. Gemeinden knüpften und hielten Kontakte über den Eisernen Vorhang hinweg, bis dieser endlich fiel. Trotz des gespannten, durch die Vergangenheit belasteten Verhältnis zwischen Tschechen und Deutschen, suchten Kirchen diesseits und jenseits nach Verständigung. Aus dieser Begegnung heraus ist 1998 eine Publikation der Evangelischen Kirche in Deutschland entstanden, in der die neuen gemeinsamen Erfahrungen zusammengefasst sind: „Der Zaun ist abgebrochen. Zur Verständigung zwischen Tschechen und Deutschen.“ Und nicht zufällig heißt ein Projekt der „Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa. Leuenberger Kirchengemeinschaft“, das in Rumänien durchgeführt wird „Healing Memories“ – ein wichtiger Schritt zu einem Europa der versöhnten Verschiedenheit. Mit der Studie „Die Kirche und Israel“ der Evangelischen Kirchen in Europa konnte 2001 endlich auch auf europäischer Ebene das besondere Verhältnis von Juden und Christen zum Ausdruck gebracht werden. In einem Europa, in dem Kriege sich so tief ins kollektive Bewusstsein eingegraben haben und in denen Grenzlinien wie Narben verlaufen, bleibt dieser friedensstiftende Versöhnungsdienst der Kirchen Verpflichtung und Verheißung.

Damit verknüpft sich die Hoffnung, dass auch die Kirchen, gerade die evangelischen Kirchen, die so stark in die nationalstaatliche Entwicklung verwoben waren und in Gefahr stehen, sich immer noch darin zu verirren, diese Vergangenheit überwinden können. Dies schließt einen Aufbruch aus der babylonischen Gefangenschaft gerade der evangelischen Kirchen Europas, aus den zu eng gewordenen nationalen und konfessionellen Grenzen ein. Die Reformation des 16. Jahrhunderts braucht eine gesamteuropäische Fortsetzung im 21. Jahrhundert.

Wie aber sollte man ihn begehen, den 8. Mai 2005? Zumindest so: in Dankbarkeit für eine für Europa fast unglaublich lange Zeit des Friedens, in Erinnerung an die Opfer des Krieges und alle, die in den letzten 60 Jahren Frieden gestiftet haben – und als Ermutigung, auf dem Weg des Friedens weiter zu gehen, auch auf ungewöhnlichen Wegen. Dabei können wir von der Hoffnung ausgehen, die in der Tagebuchnotiz in Kriegszeiten festgehalten wurde: Der Friede kommt uns entgegen. Er wird einmal da sein wie der Frühling und Ostern. Anzeichen dafür gibt es genug. Und diese Hoffnung können wir festmachen an dem Gott des Friedens, der schon längst einen ewigen Bund des Friedens geschlossen hat. Auch dafür gab es in den letzten 60 Jahren Anzeichen genug. Das kann man feiern – als Zeichen für den ewigen Frieden, der uns entgegenkommt.

Amen

 

Literatur: Monika Flacke (Hg), Mythen der Nationen. 1945 – Arena der Erinnerungen. Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, 2 Begleitbände zur Ausstellung, 2004 Idee Europa. Entwürfe zum „Ewigen Frieden“. Eine Ausstellung des Deutschen Historischen Museums, Begleitband zur Ausstellung, 2003

 

Pfarrer Dr. Hans Jürgen Luibl, Europabeauftragter der Evangelischen Kirchen in Europa. Leuenberger Kirchengemeinschaft

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